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150 Jahre Rennverein Zürich: Das grosse Jubiläum 2022 wirft seinen Schatten voraus

Dienstag, 14. Dezember 2021 15:33

Drei Jubiläen werden im Jahre 2022 gefeiert: 150 Jahre Rennverein Zürich, 50 Jahre Pferderennbahn Dielsdorf, 10 Jahre Horse Park Zürich-Dielsdorf. Als Einstimmung auf dieses Jubiläumsjahr werden wir bis zum ersten Renntag der Zürcher Saison vom 8. Mai 2022 im monatlichen Rhythmus die lange Geschichte der Zürcher Pferderennen beleuchten. Es sind auszugsweise Texte aus dem Jubiläums­buch des Rennvereins Zürich, das die Mitglieder des Rennvereins Zürich als Geburtstagsgeschenk an der Generalversamm­lung vom 12. April 2022 erhalten werden.

(RVZ)

 

Den offiziellen Festakt führt der Rennverein Zürich am Samstag-Renntag vom 20. August 2022 durch. Tags darauf steht am Sonntag 21. August mit dem Kid’s Day der grosse Jubiläumsfestrenntag für Gross und Klein mit Gratiseintritt an. Der Jockey-Club-Renntag vom 25. September und der Oktoberfest-Renntag vom 23. Oktober runden das Zürcher Rennjahr 2022 ab.

 

Der erste Beitrag aus der Geschichte des Zürcher Turfs befasst sich mit den Gründerjahren und dem Kampf um Anerkennung der Pferderennen als wichtiger Beitrag zur Pferdezucht und zum generellen Verständnis der Pferde. Die weiteren Beiträge erscheinen wie folgt: Zwischen den Kriegen (Januar), Aufschwung und Wandel (Februar), Die Ära Villiger (März), Schein und Sein (April) sowie Zukunft Horse Park (Mai).

 

 

 

Die Gründerjahre von 1872 - 1914

Ein Rennen um Anerkennung

Zu den Anfängen der Zürcher Pferderennen im 19. Jahrhundert ist wenig überliefert. Allgemein zugängliche Informationen finden sich im Archiv der «Neuen Zürcher Zeitung», auf das schon Urs Bürchler in der Chronik zum 100-jährigen Bestehen des Rennvereins Zürich im Jahre 1972 zurückgegriffen hat. Seine Zusammenfassung der ersten 50 Jahre sowie die damaligen Berichte der NZZ liefern nun abermals einen rennsportspezifischen Einblick in eine Zeit, in der Zürich eine geradezu stürmische Entwicklung durchläuft: Zählt die Stadt um 1870 rund 20'000 Einwohner, sind es 1910 bereits neunmal mehr, rund 190'000.

 

Dafür reicht der Platz innerhalb der alten Stadtmauern nicht mehr aus. Die von der Zuwanderung stark betroffenen Vororte werden 1893 eingemeindet, so auch Wollishofen, auf deren Allmend am 29. September 1872 die ersten Zürcher Pferderennen stattfinden – rund 100 Jahre nach den ersten Rennen in England. Zürich entwickelt sich um die Jahrhundertwende zum Zentrum der modernen, zusehends industrialisierten und liberalen Schweiz. Dieser Prozess ist Nährboden für politische Unruhen. Schlechte Lebensbedingungen, ja sogar Hunger und Unterernährung gehören in den Arbeiterfamilien der Aussenquartiere zum Alltag. Bereits vor dem nationalen Generalstreik des Jahres 1918 kommt es in Zürich 1912 zu einem ersten Generalstreik.

 

Die gesellschaftlichen Gegensätze zwischen alteingesessenem Bürgertum und zugewanderter Arbeiterschaft spiegeln sich in der Rezeption der Pferderennen. Anders als bei den gleichzeitig aufkommenden Rennen in Yverdon, die mit der ländlich geprägten Pferdezucht eng verbunden sind, wird den Zürcher Rennen der Stempel des «Herrenvergnügens» aufgedrückt, des reinen Zeitvertreibs der begüterten Oberschicht.

 

Pflege der Reitkunst

Pferderennen jedoch sind seit Anbeginn ein vergnügliches Erlebnis für breitere Kreise. Das zeigt die Berichterstattung der NZZ zur Zürcher Premiere von 1872. Rund einen Monat nach dem grossen Eidgenössischen Schützenfest in Aussersihl räumt das Blatt dem gesellschaftlichen Aspekt der hippologischen Premiere viel Platz ein:

 

«Bald nach 12 Uhr mittags begann eine unabsehbare Menge erwartungsvoller Zuschauer nach der Wollishofer Allmend zu strömen und besetzte je nach der Erlaubnis des Geldbeutels entweder die amphitheatralische Tribüne oder den weiten Raum innerhalb der Rennbahn sowie den Kreis, der dieselbe umschloss. Wer es ganz wohlfeil machen wollte, lagerte auf den Rebenhügeln rings um die Ebene oder pries im Stillen die weise Fürsicht der Militärdirektion, welche, wenn auch zu anderem Zweck, im Zielwall, noch in ziemlicher Nähe der Bahn, ein hübsches Emporium errichtet hat, das denn auch dicht bevölkert war und einen recht amüsanten Überblick über die Rennbahn und die Zuschauermenge ermöglichte. Eine nie gesehene Zahl von Equipagen mit schönem Inhalt bildete die für ein echtes Wettrennen unentbehrliche Staffage, und es mochte der Damenwelt die herrliche Gelegenheit gegenseitiger Bewunderung der feinen Herbsttoiletten mit wehmütigen Anklängen an den scheidenden

Sommerflor wohl vielfach ebenso abwechselnde Unterhaltung gewähren wie die Reiterkünste der Preisbewerber. Der ganze Ausblick auf diese reizend gelegene, am Fusse des Uetlibergs sonst in so stillem Frieden zum Teil in duftiger Waldeinsamkeit ruhende Ebene mit dem sonnigen Zürichberg in der Ferne, war heute ein absonderlich malerischer, durch die ungezwungene Mischung der sonntäglich gekleideten Menge aller Stände wirkungsvoller, und es erhöhte sich der Effekt durch die Bewegung, welche die zahllosen Fuhrwerke und die paradierenden Reiter auf allen Punkten der Szenerie hervorbrachten. Die Ordnung war musterhaft, allerdings wesentlich leichter zu handhaben wegen des weiten Terrains, in welchem zehntausend fröhliche Menschen noch für viele weitere Tausende, die dann ‹nächstes Jahr› kommen werden, Platz liessen.»

(NZZ, 30. 9. 1872. Für bessere Verständlichkeit sind alle zitierten Passagen aus der NZZ heutiger Schreibweise angepasst.)

 

 

Das erste Zürcher Wettrennen von 1872 in einer Zeichnung von Johann Witt. (Bild Archiv RVZ)

 

 

Beim Renngeschehen liegt der Fokus der Zeitung auf dem Offiziersrennen, aus dem später der Grosse Preis der Stadt Zürich hervorgehen wird. Die Stute Puce mit dem Lausanner Frossard de Saugy im Sattel gewinnt das noch auf der Flachbahn gelaufene Rennen, sie avanciert damit zur ersten bedeutenden Zürcher Siegerin.

 

«Das Offiziersreiten, der Schwerpunkt des Rennens, erfüllte manches vaterländische Herz mit Freude; es war eine sehr schöne Leistung aller Teilnehmer, namentlich auch, weil die Pferde trefflich behandelt wurden. Allgemein imponierte der erste Preisgewinner, Herr Artillerie- Leutnant Frossard von Lausanne, durch seine tadellose Haltung und seine Ruhe.»

 

Das Blatt sorgt sich indes auch um das Wohlergehen der Tiere, besonders beim Jockey-Rennen, «wenn die schonungslose Hand eines Reitknechtes nichts Besseres zu handhaben wusste als die Peitsche des Zirkus. Es gilt dies namentlich von einem Jockey des Herrn von Gillmann aus Basel, der sein Pferd nicht nur masslos spornte, sondern auch noch sonst unvernünftig auf dasselbe losschlug, dass es überall blutete. Solche Rohheit ist nicht zu entschuldigen – sie wurde aber auch allgemein verurteilt. Die Hauptsache ist, dass sie ziemlich vereinzelt blieb und gewiss am meisten von denjenigen bedauert wurde, welchen ihre edlen Tiere ans Herz gewachsen sind.» (NZZ, 30. 9. 1872)

 

 

Die Preise an den ersten Rennen reichen von 2 Franken für den Stehplatz im inneren Einfang bis hin zu 20 Franken für eine Zweispänner-Kutsche. (Bilder Archiv RVZ)

 

Zum Vorwurf des «Herrenvergnügens kommen also schon an den ersten Rennen mahnende Worte bezüglich des Tierwohls hinzu. Sie stossen auf fruchtbaren Boden. Bereits nach der Gründung des Kantonalen Zürcher Rennvereins am 24. Mai 1872 im Zunfthaus zur Saffran sind per Inserat explizit Mitglieder gesucht worden, die Reit- und Pferdeliebhaber sind und die sich für die «Pflege der Reitkunst und Förderung des Interesses für Pferde und deren Leistungen durch Unterstützung zweckdienlicher Bestrebungen» einsetzen wollen. Der Jahresbeitrag beträgt 20 Franken, wofür an den Rennen eine Anzahl Freiplätze zur Verfügung gestellt wird. Noch heute haben die Vereins­mitglieder des Rennvereins Zürich kostenlosen Zutritt zu den Zürcher Rennen und noch immer ist die Förderung des Pferdesports in der Zweckbestimmung zentral: «Der Rennverein Zürich bezweckt die Förderung des Pferdesports, insbesondere durch Veranstaltung von Pferderennen, und betreibt und unterhält das Pferdesportzentrum Dielsdorf, verbunden mit einer Trainingszentrale», heisst es in den aktuellen Statuten. Allein, der jährliche Mitgliederbeitrag liegt mittlerweile bei 150 Franken.

 

Für Armee und Landwirtschaft

Aus dem Kantonalen Zürcher Rennverein wird 1873 der Schweizerische Rennverein mit den drei Sektionen Zürich, Basel und Bern. Der Vorstand um Vereinspräsident Arnold Vögeli-Bodmer, Artillerie-Major Konrad Emil Pestalozzi, Major Karl Neeser, Kavallerie-Leutnant Arthur Schoeller-Ziesing sowie Karl Trümpler ist weiterhin bemüht, den Kritikern entgegenzutreten, die die Rennen als Tierquälerei bezeichnen. Ein Vertreter dieses Gremiums stellt fest:

 

«Über den Wert der Pferderennen ist in den jüngsten Tagen in verschiedenen Kreisen und öffentlichen Blättern viel Richtiges und Unrichtiges gesprochen und geschrieben worden. Ihre Gegner halten sie für Tierquälerei, und solche, die in der Gunst des Volkes stehen oder darum buhlen, titulieren die Wettrennen als Herrenfeste, die dem Lande nichts nützen. Die Absichten des zürcherischen, jetzt schweizerischen Rennvereins und die Bedeutung der Wettrennen in nationalökonomischer und militärischer Beziehung zu beleuchten, ist der Zweck dieser Zeilen. Vor zwei Jahren hat anlässlich des Festes der landwirtschaftlichen Gesellschaft des Bezirks Zürich eine Pferdeausstellung stattgefunden und ist eine Gesellschaft gegründet worden, welche sich die Erweiterung der Kenntnisse des Pferdes und die Unterstützung aller auf die Hebung und Verbesserung der inländischen Pferdezucht und auf die Entwicklung des Reitergeistes gerichteten Bestrebungen zum Ziel machte. Als geeignetstes Mittel zu diesem Zweck wurde die Bildung eines Rennvereins erkannt, wie ein solcher, wenn auch unter anderem Namen, schon seit vielen Jahren in der Westschweiz besteht, wo das jährlich abgehaltene Pferderennen nicht Herren-, sondern wahre Volksfeste geworden sind und zu dem Aufschwung, den die Pferdezucht in jenen Gegenden genommen, wesentlich beigetragen haben.»

(NZZ, 14.10.1873)

 

Der Wunsch, die Anerkennung von Pferderennen und der Zucht von Rennpferden zu verbessern, mag in Zürich besonders tief verwurzelt sein. Trotz aller Liberalisierung sind hier konservativ und militärisch geprägte Kräfte weiterhin stark vertreten. Darauf deuten die Zusammensetzung des Vorstandes des Rennvereins hin und ebenso der gesellschaftliche Hintergrund so mancher junger, wettkampfbegeisterter Vereinsmitglieder. Die grossen zürcherischen Unternehmen der Textil- und Maschinenindustrie stehen am Anfang ihrer Entwicklung, die begüterten Zürcher Familien halten sich in den Stallungen Pferde und Luxusfuhrwerke, deren Söhne leisten den Militärdienst bei den berittenen Waffen und wollen Springvermögen wie Ausdauer und Schnelligkeit ihrer Vierbeiner im sportlichen Wettkampf unter Beweis stellen.

 

Ab 1899 finden Pferderennen auch in Luzern statt, die grosse internationale Aufmerksamkeit geniessen – und im Vergleich mit den Rennen in Zürich beeindruckend hoch dotiert sind. So wird 1914 auf der Wollishofer Allmend in neun Prüfungen ein Preisgeld von 10’750 Franken ausgeschüttet, plus Ehrengaben. Krönender Abschluss der Veranstaltung bildet der Preis von Zürich, die Steeplechase über 4500 m für Pferde aller Länder mit einer Dotation von 2650 Franken und einem Sieggeld von 1500 Franken. Zum Vergleich: Für die internationalen Pferderennen vom 1., 3. und 6. September in Luzern sind ein Preisgeld von 100’000 Franken ausgesetzt. Allein, durch die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien bricht am 28. Juli der Erste Weltkrieg aus und die in Luzern geplanten Rennen müssen abgesagt werden. Damit findet auch die erste grosse Blütezeit im Schweizer Pferderennsport ein abruptes Ende.

 

Fortsetzung folgt!

 

 
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