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Derby-Vorschau: Die 10 Kandidaten im Davidoff Swiss Derby 2012 auf dem Prüfstand

Donnerstag, 07. Juni 2012 22:20

Ein Derby ist ein Derby - egal in welchem Land, egal wie hoch die Dotation ist. Jeder im Rennsport träumt davon, einmal ein Derby zu gewinnen. Und wer schon mal eines gewonnen hat, will immer mehr davon...

(mmo) Das Derby ist und bleibt speziell. Es gibt für jeden Vollblüter (sofern er nicht seiner Männlichkeit beraubt wurde) diese eine Chance, es zu gewinnen. Mit drei Jahren, jeweils im Sommer. Klar, es gibt Pferde, die bestreiten mehrere Derby-Starts in verschiedenen Ländern. Doch die sind rar. Also gilt für den Grossteil: Ein Missgeschick (man erinnere sich an Glavalcour, der in Frauenfeld kurz nach dem Start scheinbar verletzt stehen blieb), ein schlechter Rennverlauf (wie der Grossteil der Favoriten am letzten Sonntag in Paris) oder schlicht eine Unpässlichkeit und alles ist vorbei. Keine zweite Chance, wie sie zum Beispiel ein Leichtathlet vier Jahre später an den nächsten Olympischen Spielen unter Umständen hat. 

Dies macht es so schwierig, ein Derby zu gewinnen. So speziell.

 

Das Original, das englische Derby, gibt es schon über 230 Jahre. Das Schweizer Pendant erlebt dieses Jahr immerhin schon die 32. Austragung. Und diese hat es in sich. Kein Pferd im Zehner-Feld sticht auf Anhieb heraus. Mindestens die Hälfte können gewinnen - wobei es ja ohnehin oft anders kommt, als die meisten denken.

 

So dürfen wir uns auf ein Derby der vielen Möglichkeiten freuen. Die Tatsache, dass erstmals überhaupt der Aga Khan-Dress auf einer Schweizer Rennbahn zu sehen sein wird, ist eine Ehre für die Frauenfelder Veranstalter. Top-Jockey Lanfranco "Frankie" Dettori verleiht dem Derby die besondere Note auf Seiten der Reiter - in einem Rennen, in welchem sich schon oft Weltklasse-Sattelkünstler die Ehre gegeben haben.

Dettori ist auf der Jagd nach einem weiteren Derby-Triumph: In England, Frankreich, Irland, Italien und Deutschland hat er das Blaue Band bereits gewonnen.

 

 

Von Pferd zu Pferd

  • Cap Sizun kam vor den 2000 Guineas mit solider Listed-Klasse aus Frankreich zu Philipp Schärer nach Elgg. Sowohl in den Guineas (2. zu The Act) als auch im Frühjahrspreis (2. zu Shisun) hatte sein Reiter kein glückliches Händchen - nun sitzt dieser auf dem Pferd des Aga Khan, weil er für Alain de Royer Dupré arbeitet. Gut möglich, dass Vincent Vion, der nach Bekanntwerden der Diakali-Disposition in letzter Minute als "Ersatz" verpflichtet wurde, zum Glücksfall wird für die Entourage von Cap Sizun. Der Gold Away-Sohn lief zwar noch nie weiter als 2000 Meter (Frühjahrspreis; zuvor maximal bis zur Meile), doch trauen wir ihm mit weniger offensiver Taktik als vor drei Wochen durchaus ein Spitzenresultat zu. Denn Klasse hat er.

  • Raheb wurde im Hinblick auf das Derby in Frankreich erworben. Seinem Besitzer, der in der Schweiz alle Rennen gewonnen hat, die man gewinnen kann, fehlt im reichhaltigen Palmarès nur noch das Derby. Und Raheb hat alle Chancen, diese Lücke zu schliessen. Er hat bei all seinen vier Starts in Frankreich Geld verdient, Anfang April in Saint-Cloud über 2000 Meter ein "Course B" gewonnen und belegte zuletzt hinter zwei guten Pferden Rang drei auf Listed-Ebene. Der dort vier längen vor Raheb ins Ziel gekommene Sir Jade lief danach im französischen Derby auf Rang 11, nicht weit geschlagen. Der Sieger ist nach drei Starts noch immer ungeschlagen. Und wichtiger noch: Der 6 Längen hinter Raheb ins Ziel gekommene Herrbuga belegte vier Wochen später im italienischen Derby (Gruppe II) den fünften Platz. Ein kleines Fragezeichen setzen wir hinter sein Stehvermögen. Die letzten beiden Rennen über 1800 und 2000 Meter waren nicht sonderlich schnell gelaufen und zuvor (2. über 1900 Meter) lief Raheb auf der Fibresand-Bahn von Deauville. Mit einer Handicap-Marke von umgerechnet 90.5 (möglicherweise etwas hoch) ist er am höchsten von allen Startern eingestuft.

 

  • Green Fees ist das Pferd, das am deutlichsten schon Stehvermögen bewiesen hat. In Le Croisé-Laroche Ende März kam er über 2500 Meter am Ende noch gut auf. Und zuletzt in Strassburg gewann er über 2350 Meter von der Spitze aus sicher. In jenem Rennen zeigte Blue Planet als Dritter (1.75 Längen dahinter) eine starke Leistung, der Bucher-Schützling machte am Ende sogar noch Boden gut auf den Schimmel. Der Schreibende ist sich nicht schlüssig, ob dies nun für Blue Planet oder gegen Green Fees spricht. Klassemässig dürfte Green Fees gefühlsmässig ein gewisses Manko haben, aber sein bewiesenes Stehvermögen und die Rennverlauf-Unabhängigkeit kann am Ende dennoch den Ausschlag zu seinen Gunsten geben. 

  • Shisun hat sich über den Winter deutlich gesteigert und liess in diesem Jahr bei drei Starts keinen Gegner vor sich ins Ziel kommen. Nach zwei leichteren Aufgaben (in der ersten liess er Blue Planet dreieinhalb Längen hinter sich) überzeugte er im Frühjahrspreis mit tollem Kampfgeist und liess Cap Sizun, Don Carlos und Praso hinter sich. Wie weit der Shirocco-Sohn kommt, hängt nicht zuletzt vom Rennverlauf ab. Ein schnelles Rennen dürfte von Vorteil sein. Olivier Plaçais kennt ihn perfekt, er wird alles daran setzen, es seinen Jockey-Kollegen zu zeigen... Für Shisun, der im Herbst 2010 für 35'000 EUR den Besitzer wechselte, spricht also einiges, nicht zuletzt hat er auch schon Stehvermögen bewiesen. Unklar ist, wie gut er wirklich ist. Denn die bisherige Elite (d.h. die Pferde, die wir bisher dazu zählen) hat er noch nicht lückenlos angetroffen, weil er in den 2000 Guineas nicht am Start war und The Act sowie Choix Célèbre ihrerseits im Frühjahrspreis geschont wurden.

  • The Act hat wie sein Trainingsgefährt Shisun in dieser Saison sämtliche Starts in Siege umgemünzt. Insbesondere der Sieg in den 2000 Guineas, als er mit viel Speed angerauscht kam und Cap Sizun noch passierte, wusste zu beeindrucken. Er ist noch nie weiter als über die Meile gelaufen. Dies müsste eigentlich stuzig machen. Tut es uns aber nicht, weil: 1) Es hat in seiner Familie Stehvermögen genug, seine Mutter stammt von Darshaan, der 1984 in den Aga Khan-Farben (!) das französische Derby gewonnen hat. 2) Miro Weiss wird genau wissen, was er tut und bekanntlich hat ein gewisser Solon 1995 vor dem Derby-Sieg die Meilendistanz auch nie überschritten.
    Der grosse Trumpf für The Act ist aber zweifellos Frankie Dettori, der wie kein Zweiter im Feld weiss, wie ein Derby zu gewinnen ist.

  • Choix Célèbre gewann auf dieser Bahn im letzten Herbst das Critérum. Wer erwartet hatte, der grossrahmige Fuchs würde in dieser Saison nun durchmarschieren, sah sich bisher getäuscht. Beim Jahresdebüt wirkte er Anfang April in Avenches über 1800 Meter (hinter Fundao und Prado) etwas schwerfällig. Umso leichtfüssiger kam er dafür dann in den 2000 Guineas in der Endphase immer besser in Schwung - notabene nachdem er knapp 200 Meter vor dem Ziel einen Stopp hatte hinnehmen und nochmal beschleunigen müssen. Die Frage nach dem Stehvermögen stellt sich bei Choix Célèbre grundsätzlich, denn er stammt vom australischen Sprinter Choisir. Mütterlicherseits stimmen die Steher-Gene dafür: Der "père de mère" ist Peintre Célèbre und die dritte Mutter stammt von Sadler's Wells. Aufgepasst, Choix Célèbre kann durchaus zur Geheimwaffe für Miro Weiss werden.

  • Prado hat in seiner Rennkarriere bisher nichts falsch gemacht. In dieser Saison bewies er mehrmals, dass er mit der hiesigen Elite durchaus mitmischen kann. Hätte er eine einfachere Route absolviert, wäre er mit Sicherheit nicht mehr sieglos. Doch es spricht für seine Entourage, dass er gezielt auf dieses Rennen vorbereitet wurde. Sein Vater Feliciano scheiterte einst im Derby nur an einem Gegner, der später auf Gruppe-Ebene reüssierte, und unglücklichem Rennverlauf. Insgesamt ist er klassemässig unterhalb den meisten Gegnern anzusiedeln. Doch mit seinem Kampfgeist und der Regelmässigkeit liegt für den Inländer vielleicht eine Überraschung drin.

  • Don Carlos, der zweite Inländer im Feld, hat vor allem beim Sieg in Lyon sein Potential unter Beweis gestellt. Der Halbbruder des guten Cumascheals hat Blue Canari, den letzten französischen Derby-Sieger über die 2400-Meter-Distanz, als Vater. Im Frühjahrspreis wurde er von Anfang an am Ende des Feldes quasi "aus dem Rennen" genommen. In der Zielgeraden machte er von letzter Stelle kommend als einziger Boden gut auf den Sieger Shisun. In einem schnell gelaufenen Rennen mit etwas offensiverer Taktik (beim Sieg in Lyon ging er unterwegs an zweiter, dritter Stelle im Rücken des Leaders mit) trauen wir ihm mit dem alten Jockey-Fuchs Georg Bocskai, der ebenfalls weiss wie man ein Derby gewinnt, einiges zu.

  • Diakali läuft für den prominentesten Besitzer im Feld, der mehrfach das französische Championnat gewonnen hat. Der Schimmel scheint spätreif, hat erst im April, vor weniger als 2 Monaten, sein Lebensdebüt gegeben. Als unscheinbarer Achter in einem "Course F" gegen 13 Gegner. Danach bestritt er Anfang Mai in Lyon ein weiteres "F" über 2200 Meter, wobei er mit seinem Derby-Reiter aus dem Vordertreffen im Endkampf den dritten Platz souverän verteidigte. Der Sieger aus jenem Rennen ist seither nicht mehr gelaufen, die Zweitplazierte belegte danach in der Provinz einen weiteren Ehrenplatz. Aus jenem Rennen ist also kein "brin de classe" abzuleiten. Beim dritten und letzten Start am 25.Mai in Saint-Cloud folgte die Steigerung mit Rang zwei in einem "Course B" über 2100 Meter. Diakali, dessen Vater Sinndar das englische und irische Derby gewonnen hat, zeigte dabei einen guten Schluss-Spurt, konnte den Sieger aber nicht gefährden.
    Wir spekulieren darauf, dass ein Top-Trainer wie Alain de Royer Dupré kaum mit einem Pferd für den Prinzen Karim Aga Khan nach Frauenfeld reist, wo ganz Frankreich über Equidia zuschauen kann, wenn er sich nicht nach Trainingseindrücken eine Sieg-Chance ausrechnet. Die französischen Gegner kann er mit Sicherheit bestens einschätzen - die Schweizer über Freddy Di Fède, der bei ihm arbeitet, wohl auch. So etwas wie der Geheim-Favorit, weil er sich mit grosser Wahrscheinlichkeit weiter gesteigert hat.
     
  • Blue Planet ist nicht einfach einzustufen. Beim einzigen Schweizer Start zeigte er Mitte März als dritter zu Shisun eine solide Leistung. Wobei jenes Rennen mit Sicherheit als Vorbereitung und nicht als Ziel gedacht war, zudem war das Geläuf vom Regen doch arg aufgeweicht. Der fünfte Rang anschliessend in Lyon (Course G) war ansprechend, würde aber noch keine Derby-Hoffnungen aufkeimen lassen. Dafür war der anschliessende Start in Strassburg interessant. Wie bereits bei Green Fees geschrieben, machte Blue Planet dort über 2350 Meter in der Endphase noch Boden gut auf den Sieger. Er trug dort zwei Kilo weniger als der Clément-Schützling, der vom Start weg geführt hatte. Dennoch, das war eine starke Vorstellung des Paolini-Sohnes. Für den Sieg dürfte es wohl nicht reichen, doch abschreiben darf man ihn auf keinen Fall.

 

 



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