von Markus Monstein
Die Unzufriedenheit im Lager der Trab-Aktiven ist seit Jahren latent vorhanden. Nicht überall - nicht nur, aber insbesondere bei jenen, die diesen Sport berufsmässig ausüben. Sie fühlen sich vom Suisse Trot-Vorstand je länger je weniger ernst genommen, nicht in die wichstigen Entscheidungsprozesse eingebunden und durch die Vorstandsmitglieder zu wenig vertreten. Dass vom Suisse Trot-Vorstand wenige Tage vor Wiederaufnahme des Rennbetriebs nach der Corona-Pause im Rennkalender eine deutliche Verschärfung der Peitschen-(und Gesten-)Regelungen ohne Vorankündigung kommuniziert und gleich in Kraft gesetzt wurde, stiess auf grossen Widerstand. Das war gewissermassen der berühmte Tropfen, der bei vielen Aktiven das Fass zum Überlaufen brachte. Mittels einer Unterschriften-Aktion (wir hatten berichtet) drückten die Unzufriedenen vor Beginn des Renntags am 14. Juni ihren Unmut aus.
Dabei ging es in erster Linie um die Art und Weise, wie der Suisse Trot-Vorstand dies mir nichts dir nichts eingeführt hatte. Dass bei den Peitscheneinsätzen (und den Gesten) Handlungsbedarf besteht, weil die Gesellschaft und mit ihr die Tierschützer je länger je weniger in diese Richtung tolerieren, steht für den Schreibenden ausser Frage und auch die Aktiven sehen dies mehrheitlich ein. Doch, dass sie dies alles aus dem "Rennkalender" erfahren mussten (an der Generalversammlung am 7. März 2020 war über mögliche Änderungen diskutiert worden, danach herrschte 3 Monate Funkstille, um in der Woche vor den Rennen dann via "Rennkalender" zu kommunizieren) und die Tatsache, dass die Sanktionen deutlich verschärft wurden (2 Tage Lizenzentzug und eine Busse in Höhe von 3% der Dotation des Rennens schon beim ersten Verstoss, das Doppelte im Wiederholungfall und so weiter - will heissen beim dritten Wiederholungsfall eine Busse in Höhe von 12% der Renndotation sowie 8 Tage Lizenzentzung), war für viele Aktiven nicht mehr akzeptabel. Zumal einige der neuen Regelungen in der Praxis kaum anzuwenden und/oder überprüfen waren ("erlaubt ist die Unterstützung des Pferdes mit der Peitsche, wenn sie parallel mit den Leinen (Zügel) und ohne sie mehr als 5cm anzuheben, gebraucht wird").
Der Vorstand von Suisse Trot hat inzwischen offenbar eingesehen, dass der Gegenwind durch viele Aktive zu gross ist. An einem ersten Info-Abend am 30. Juni wurde angekündigt, die Regelungen nach den Juli-Renntagen nochmal zu diskutieren. Dies geschah vorgestern Mittwoch in Avenches und gestern in Aarau.
Dabei gab Jean-Pierre Kratzer gestern Abend in Aarau zu, dass sie einen Fehler gemacht hätten und vor Einführung der Neuerungen mit den Aktiven hätten sprechen sollen. Für die meisten im Saal war dies gestern das erste Mal, dass ein solcher Satz aus dem Mund des allmächtigen JPK zu hören war. Fehler zuzugeben war bisher nicht in seinem "Quellcode" vorhanden, um für einmal die Programmierer-Sprache zu verwenden. Was war geschehen? Siehe weiter unten.
(Klammerbemerkung: Jean-Pierre Kratzer erklärte, man habe Schweden als Vorbild genommen für die strengeren Regelungen. Auf den Einwand von André Humbert, es gebe einige wichtige Unterschiede zu Schweden wie "viel kürzere Zielgeraden" und andere Hilfsmittel wie "Zugwatte", gab JPK keine schlüssige Antwort).
Die Regeln wurden nun durch den Suisse Trot-Vorstand überarbeitet. Es bleibt bei maximal 3 Peitscheneinsätzen im gesamten Rennen (früher maximal 5 im Einlauf; also eine erhebliche Verschärfung). Die anderen Formulierungen, an denen sich die Geister geschieden hatten, wurden mehrheitlich angepasst. So heisst es nun: "Dabei darf die Hand nicht über Schulterhöhe gehoben werden." Die "5cm" sind gestrichen und durch "übermässig anzuheben" ersetzt worden. Zudem dürfen weiterhin "keine übertriebenen Gestikulationen" gemacht werden. Paraden sind zum Vorwärtstreiben der Pferde verboten. Der genaue Wortlaut der neuen Regelungen wird von Suisse Trot in den kommenden Tagen/Wochen publiziert werden. Gemäss Jean-Pierre Kratzer sollen diese voraussichtlich am 30. August am Meisterschaftstag erstmals in Kraft sein.
Auch bei den Sanktionen sieht es nach einem Entgegenkommen gegenüber den Aktiven aus. Neben den im Juni vorgeschlagenen, verschärften Bestrafungen stellte der Suisse Trot-Vorstand zwei andere Optionen zur Auswahl:
1) 200 Franken Busse und 2 Tage Lizenzentzug beim ersten Vergehen, das doppelte beim zweiten und nochmal eine Verdoppelung beim dritten Fehlverhalten.
2) 100 Franken Busse beim ersten Fehlverhalten und statt Lizenzentzung einen Renntag ohne Peitsche. Beim zweiten Vergehen 200 Franken Busse und 2 Renntage ohne Peitsche, erst beim dritten Vergehen neben 400 Franken Busse dann zusätzlich 4 Tage Lizenzentzug.
An der Versammlung am Mittwoch in Avenches stimmten die Anwesenden grossmehrheitlich für Variante 2. In der Deutschschweiz hingegen war die Mehrheit für Variante 1. Der Vorstand Suisse Trot wird nun gemäss JPK in den nächsten Tagen eine Lösung suchen.
Spannend war die Aussage von JPK, nach anfänglichen Schwierigkeiten hätten die Aktiven sich mehrheitlich gut mit den neuen Regelungen angefreundet - dabei hatte man je länger je mehr den Eindruck, an den letzten Renntagen hätten die Verantwortlichen ganz einfach beide Augen zugedrückt. Ein Aktiver hatte kürzlich einem Pferd mindestens ein Dutzend Schläge verpasst - ungestraft. Es wurde kaum mehr ein Fahrer zur Rennleitung zitiert, man ging quasi auf Schmusekurs.
Der Grund für diese Kehrtwenden? Noch mehr Gegenwind aus dem Lager der Trab-Aktiven! Dies in Form eines Antrags auf Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung von Suisse Trot, welcher am 29. Juli 2020 an den Vorstand Suisse Trot gesandt wurde. Darin verlangen 69 Mitglieder von Suisse Trot durch Statutenänderungen mehr Mitspracherecht in zum Teil neu zu kreierenden Kommissionen (Ausschreibungskommission, Reglementskommission und Sanktionskommission), wobei jede dieser Kommissionen zusammengesetzt sein soll aus Vertretern des Vorstands, Fahrern, Trainern, Besitzern und Züchtern. Zudem wollen die Initianten zwei finanzielle Punkte geklärt haben. Mehr dazu zu gegebener Zeit.
Der Vorstand von Suisse Trot hat noch keinen Termin für die a.o. Generalversammlung bekanntgegeben. Ja, er weigerte sich sogar, die Liste seiner Aktivmitglieder herauszugeben (mit Verweis auf den Datenschutz). Affaire à suivre.

Jean-Pierre Kratzer sass gestern Donnerstag-Abend in Aarau zwischendurch im Dunkeln.
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