Im Grunde genommen war schon vor der Versammlung am 24. Juni 2010 in Lenzburg klar: Der Schweizer Galopprennsport hat zwar theoretisch die Wahl, in welche Richtung er gehen will - doch faktisch gibt es nur eine erfolgsversprechende Strategie: Es so rasch wie möglich Suisse Trot gleich zu tun. Nicht, dass nun die Jockeys lernen sollen, die Pferde von Sulkies aus zu steuern, nein, das nicht. Aber die Annäherung des Schweizer Trab-Sektors an Frankreich hat gezeigt, wo die Zukunft liegt, wo die einzig (vermutlich/hoffentlich für lange Zeit) unversiegbare Quelle sprudelt: PMU heissen die drei Zauber-Buchstaben (dazu weiter unten mehr).
Die Versammlung in Lenzburg war sehr gut besucht - schätzungsweise 130 Personen, deutlich mehr als an mancher Generalversammlung in den letzten Jahren, liessen sich orientieren. Einige äusserten sich auch in diversen Voten. Die diskutierten Themen gingen querbeet durcheinander. Es ginge zu weit, hier alle zu erwähnen. Die Quintessenz lautete in etwa: Dem Vorstand Galopp Schweiz (und soweit beteiligt SPV) wurde im allgemeinen gute Arbeit attestiert, es gab sogar Applaus dafür. In einzelnen Bereichen gab es auch Kritik. Augenfällig wurde dies insbesondere bei der Kommunikation.
Zum Beispiel wurde zu recht die Informationspolitik im Fall "Sable Noir" kritisiert (zu welchem mit Verweis auf das Laufende Verfahren - Gerichtsverhandlung soll in rund einem Monat sein - nichts weiter bekannt gegeben wurde). Wir hatten auf horseracing.ch nach der Meldung über die mögliche Disqualifikation unseren Lesern die Möglichkeit gegeben, sich mittels Kommentaren zu äussern (dies unter Angabe von Name und Wohnort, nicht anonym). Diese Gelegenheit wurde rege benutzt - doch nahm der Vorstand Galopp Schweiz keine Stellung dazu, verpasste es so, unmittelbar zu informieren (holte dies erst einige Zeit später im Rennkalender nach) - SPV-Präsident Jean-Pierre Kratzer sprang dann in unserem Interview in die Bresche.
Anton Kräuliger, der in Lenzburg sachlich und besonnen blieb, aber zu verstehen gab, dass er sich unter den gegebenen Umständen wie auch ein Teil seines Vorstandes im Dezember nicht mehr zur Wiederwahl stellen werde, sowie ein gut gelaunter, souveräner Jean-Pierre Kratzer zeigten der Versammlung auf, welche Optionen sie für Galopp Schweiz in (naher) Zukunft sehen.
A) Weiter wie bisher (Galopp Schweiz bleibt eigenständig innerhalb des SPV)
B) Ein neuer, eigenständiger Verband (mit neuen Leuten, neuen Ideen)
C) Stärkere Einbettung in den SPV
Jean-Pierre Kratzer nannte neben dem Dossier Dielsdorf (RVZ-Präsident und Vize-Präsident Marc Hunziker erklärten den Anwesenden, den Stand der Dinge: Bis Ende 3. Quartal 2010 soll die Bilanz saniert sein. Dann könne an eine dringend nötige Sanierung der Infrastruktur gedacht werden) vier Themen-Schwerpunkte, woran derzeit intensiv gearbeitet wird: Zucht, Strukturen, Dopingbekämpfung, Trainerreglemente - bei den Trabern geht das alles schnell voran, bei den Galoppern wollen gemäss JPK je nach Thema verschiedene Gruppen mitbestimmen, was alles stark verlangsame.
Das wichtigste aber, so erklärte Kratzer, sei das Vertrauen - das Vertrauen darauf, dass der Vorstand oder auch er als SPV-Präsident nicht einfach etwas mache, weil es ihm selbst am besten in den Kram passe, sondern weil das entsprechende Gremium schlicht und einfach seine Aufgaben erledige, im Sinne des Sports.
Und Kratzer wurde ganz deutlich, was die Zukunft des Schweizer Galopp-Rennsports betrifft: "Wir gehen bei den Trabern immer weiter, wir kommen nicht zurück. Sie, die Galopper, kommen entweder mit, oder sie kommen nicht mit. Das ist ihr Entscheid, Ihre Zukunft."
Ziel müsse es sein, diejenigen Bereiche, welche beide Verbände (Galopp und Trab) betreffen (Besitzverhältnisse, Dopingbekämpfung etc.), einheitlich zu regeln.
Der Erfolg mit dem PMU-Trabrennen in Avenches, wo hervorragende 30 Millionen Euro Umsatz dieses Jahr rund 1.2 Millionen Franken (zusätzlich zu den ADEC-Geldern aus den PMU-Wetten in der Romandie) in die IENA-Kassen spülen, ist Jean-Pierre Kratzer zu verdanken, der seine Visionen mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit (auch gegen sämtliche internen und externen Widerstände) zu verfolgen und umzusetzen pflegt.
Kurzfristig sind solche PMU-Galopprennen in Avenches (oder auf einer Bahn in der Deutschschweiz) zwar keine Lösung. Der Punkt dabei, und das hatten wir auf horseracing.ch bereits erklärt, ist der, dass France Galop im Gegensatz zum Trab-Dachverband Cheval Français keine "kleinen" und "normalen" Ausland-Rennen ins PMU-Aufgebot aufnehmen wollte, sondern wenn überhaupt, dann nur Gruppe und Listed-Rennen.
Doch gilt es jetzt schleunigst die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir bereit sind, wenn sich die Chance bietet. Dass die Reglemente so ausgestaltet sind, dass wir die Strukturen so angepasst haben, dass wir bereit sind. Denn wenn wir es nicht sind, macht es jemand anderes.
Wir haben den grossen Vorteil, dass sich Avenches mit einem hervorragenden Organisations-Niveau (wird in Frankreich explizit gelobt) viel Respekt erarbeitet hat - und wenn Jean-Pierre Kratzer auch im Schweizer Galopp-Rennsport stärker eingebunden ist als jetzt als SPV-Präsident (und genau das muss unseres Erachtens das Ziel sein), färbt dies mit Garantie positiv ab, wenn sich für France Galop und die PMU dereinst die Frage stellt, ob Galopprennen in die Schweiz oder anderswo hin vergeben werden.
Apropos anderswo: Auf Vermittlung von Jean-Pierre Kratzer werden, wie dieser in Lenzburg mitteilte, schon in diesem Jahr auch in Deutschland einige weitere PMU-Rennen gelaufen. Dies in Baden-Baden (Galopp) sowie in Gelsenkirchen (Trab).
Fazit: Das Motto heisst "auf in die Zukunft"! Konsequenterweise gibt es auf dem Weg dorthin von den drei oben genannten Varianten nur die Alternative C - mit einem stärkeren SPV, der flexibler handeln kann. Die jeweils spezifischen Belange der Galopper und Traber (wie z.B. Ausschreibungen, etc), die nicht von gemeinsamem Interesse sind, könnten in einzelnen Kommissionen effizient behandelt werden.
horseracing.ch
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