Der Rennverein Zürich hatte seine Mitglieder am 9.12.2010 nicht etwa zu einer ausserordentlichen Generalversammlung geladen, wie es die Grössenordnung und Wichtigkeit des Projekts würde erwarten lassen, sondern zu einer "Orientierungsversammlung" - kurios: auf dem Anmelde-Talon bestand trotzdem die Möglichkeit, sich neben einem Steh-Apéro für eine "ausserordentliche Generalversammlung" anzumelden...
Die RVZ-Spitze stützt sich auf die Statuten, in welchen es heisst, dass "insbesondere der Betrieb und Unterhalt des Pferdesportzentrums und der Trainingszentrale" in seine Zuständigkeit fallen. Die Mitglieder müssten demnach nicht befragt werden, so die (nicht allen logisch erscheinende) Schlussfolgerung von Marc Hunziker.
Nun, im ersten Teil der Veranstaltung informierte in erster Linie RVZ-Vizepräsident Marc Hunziker, der im 2011 den abtretenden Dieter Syz als Präsident des Rennvereins Zürich ablösen soll, über die Ausgangslage des RVZ, Szenarien, Chancen und Risiken - und erklärte in groben Zügen, wie im Laufe des Spätsommers/Herbsts das Projekt mit Martin Gloor sich konkretisierte.
Die Hippodrome Royale SA (im folgenden HRSA), die von Martin Gloor präsidiert wird, realisiert gemäss dem mit dem RVZ abgeschlossenen Vorvertrag, "den Bau und Betrieb eines modernen und attraktiven Pferdesportzentrums". Die HRSA "saniert die Bilanz des RVZ als Gegenleistung für die Übertragung der Nutzniessung am Baurechtsvertrag (Anm. d.Red: dessen Inhaber der RVZ bleibt) und die kostenlose Übertragung des Inventars des RVZ" - dafür überweist die HRSA dem Rennverein Zürich maximal 1.5 Millionen Franken, womit gemäss Hunziker und Finanzchef Hans-Peter Ess sämtliche Gläubiger befriedigt werden können (darunter nach Aussagen von Hunziker die Dachverbände Galopp Schweiz, Suisse Trot, 500'000 CHF Hypothek bei der ZKB, 330'000 Kontokorrent Kantonalbank, sowie einige nicht näher definierte, "dem RVZ nahestehende Darlehensgeber").
So weit, so klar. Sobald der definitive Vertrag unterzeichnet ist, was ursprünglich bis 31.12.2010 geplant war, sich nun aber wegen einiger noch zu klärender Details (insbesondere im Themenbereich Baurechtsvertrag, wie herauszuhören war) verzögern könnte, wird die HRSA alleinige Besitzerin und Betreiberin der Parkrennbahn sein. Dies machte Martin Gloor in mehreren Voten denn auch deutlich.
War vor wenigen Wochen, nach der Unterzeichnung des Vorvertrags, noch von einem möglichst raschen Baubeginn (und damit Wegfall des Frühlingsrenntages 2011) die Rede, so hat sich dies nun geändert. Er wolle 2011 nutzen, alles sauber vorzubereiten, insbesondere sämtliche Bewilligungen einzuholen, erklärte Gloor. "Baubeginn ist im 2012, da wird die Rennbahn das ganze Jahr über eine Baustelle sein. Aber der Trainingsbetrieb wird durchgehend gewährleistet sein", versprach der 42-jährige Aargauer.
Angesprochen auf konkrete Pläne, liess sich Gloor nicht auf die Äste hinaus. Immerhin nannte er ein Investitionsvolumen von 20 Millionen (!) Franken für die Bauarbeiten. Neben den neuen Bahnen, Stallungen und einem multifunktionalem Tribünen-Gebäude (mit Panorama-Restaurant) soll es diverse andere Bauten geben. "Es wird ein Club-Haus geben für die RVZ-Mitglieder, eines für den Jockey Club. Zudem auch ein Auktionshaus. Und Gänge, durch welche die Frauen direkt vom Parkplatz auf die Bahn kommen können. Das ist wichtig, auch wenn es regnet, muss es angenehm sein auf einer Rennbahn." Zudem erwähnte Gloor, dass er selbst dereinst auf dem Parkrennbahn-Gelände wohnen werde.
Um all dies zu verwirklichen setzt Gloor neben UBS-Mann Claudio Lazzarini insbesondere auf zwei Franzosen. Zum einen stellte sich Jean de Chevigny vor, der die Bahnen bauen soll. Als Rennbahn-Direktor in Toulouse hat er einschlägige Erfahrung, war (und ist) zudem in Griechenland, Moskau und Madrid im Einsatz.
"Wir werden trotz beschränktem Platz etwas sehr funktionelles aufstellen in Dielsdorf", erklärte Chevigny, "aussen gibt es eine PSF-Galoppbahn für Rennen und Training. Dann folgt innen eine Trab-Bahn ebenfalls für Training und Rennen. Noch weiter innen gibt es eine kleine Grasbahn mit schwenkbaren Hindernissen für Hürdenrennen und für Gras-Trainings, nicht aber für Flachrennen." Trainiert soll also künftig auf Fibresand werden, und Galopprennen (ausser über Hürden) dürfte es in Dielsdorf demnach bald nicht mehr auf Turf geben.
Gloor erwähnte mehrmals, er wolle die negative Stimmung, die er im Schweizer Rennsport spüre, ins Positive drehen. Dafür brauche er die Unterstützung jedes einzelnen. "Vertrauen sie mir, wir werden bald den Sport hier so haben, wie ich es mir vorstelle. Und dann wird jeder hier drin im Saal klatschen!"
Als wichtigen Treiber nannte er die PMU. Es sei sein erklärtes Ziel, die Strukturen zu schaffen, dass in Dielsdorf wie in Avenches PMU-Rennen gelaufen werden könnten. Via seinen Berater Jose Bruneau De La Salle (der "sehr nah an der französischen Regierung ist und zuoberst in der Organisation der PMU", Zitat Gloor) habe er diesbezüglich ein hervorragendes Netzwerk.
Gloor will gleich an mehreren Stellen im hiesigen Rennsport den Hebel ansetzen. "Ich will diesen Sport in die Rendite führen. Und ich bin überzeugt, dass das geht", so Gloor. Er habe sich im Leben stets nur an den Besten orientiert. Er wolle die Unsicherheit betreffend Finanzierung von Rennen wegnehmen, für 2011 sei bereits alles finanziert.
Bis der Vertrag definitiv unterzeichnet ist, sei "leider" jedoch noch der RVZ zuständig. "Leider für mich", erklärte Gloor, "aber sobald sich das ändere, werde er sich melden, antwortete er Galopp-Schweiz-Geschäftsführer Urs Muntwyler auf seine entsprechende Frage."
Um im 2011 in eigener Regie Rennen durchführen zu können, muss Gloor für seine Hippodrome Royale SA indes noch einen Lizenz-Antrag an den SPV stellen und Mitglied im VRV (Verband der Rennverein) werden. Ohne Mitgliedschaft und Lizenz gibt es keine Rennen.
Vage blieb Gloor bei der Frage der Finanzierung des Millionen-Projekts. Es gebe Investoren und alles sei bereits finanziert, antwortete er auf eine Frage. Dies müsse nicht die Sorge der Mitglieder sein. "Ich bin kein eigensinniger Mensch, der so rasch wie möglich Geld aus einem Projekt ziehen will und dann verschwindet", versicherte Gloor.
So herrschte im Saal zum einen eine gewisse Aufbruchstimmung, zum anderen da und dort ungläubiges Staunen oder Skepsis über genannte Summen und Ideen. Der eine oder die andere hatte sich unter dem Programmpunkt "Präsentation der Ausbaupläne und des Betriebskonzeptes durch die Investoren", unter welchem Gloor auftrat, weit mehr erhofft - wurde doch kein einziger Plan oder ähnliches gezeigt.
Er wolle dazu jetzt nicht mehr sagen, weil dies die Versammlung des RVZ sei und deshalb nicht alle dabei seien, die er auch einladen wollte. "Im ersten Quartal 2011 werde ich dann einladen, dann stelle ich das Projekt im Detail vor", so Gloor.
Man darf gespannt sein.
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