Wahrsager, Sterndeuter und Futurologen haben in dieser Jahreszeit Hochkonjunktur. Die Zukunft vorherzusehen ist seit jeher ein Traum von uns Menschen. Einer, der zum Glück trotz immer besserer technischer Hilfsmittel nie ganz erfüllt werden wird. Doch wir alle versuchen uns, zum Teil unbewusst, tagtäglich darin. Wir schauen zum Beispiel zum Himmel und schätzen ab, ob wir nun wirklich keinen Schirm mit in die Mittagspause zu nehmen brauchen. Oder wir versuchen beim Skirennen Prognosen zu machen, ob Fahrer X mit einer besseren Zeit gestoppt wird, als der führende Y.
Vor allem aber betätigen wir Turfisten uns Sonntag für Sonntag (wie es früher traditionell in der Schweiz hiess; jetzt müsste man politisch korrekt "Renntag für Renntag" schreiben) beim Wetten mehr oder weniger effektiv als Wahrsager. Der Unterschied zu Meteorologen: Wenn wir falsch liegen, spüren wir das unter Umständen schmerzhaft "hinten rechts".
Nun gut, an dieser Stelle versuchen wir uns trotzdem in der Kunst des in-die-Zukunft-Schauens. Nicht aus sportlicher Sicht, denn da ist mit den spärlichen aktuell zur Verfügung stehenden Fakten keine auch nur annähernd seriöse Prognose abzuleiten - wenn man mal den Champion-Titel bei den Galopptrainern ausklammert, der auch im 2011 mit an absolute Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für den Urdorfer Abo-Champion Miro Weiss reserviert ist.
Vielmehr geht es uns darum, für ein paar zentrale Punkte unseres Rennsports mögliche Entwicklungen, die im 2011 auf uns alle zukommen, schon im voraus aufzuzeigen. Ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit und auch nicht nach Relevanz oder ähnlichen Kriterien sortiert.
Wir beginnen mit den drei magischen Buchstaben, welche den Schweizer Rennsport seit Jahren am Leben erhalten und ihn immer nachhaltiger beeinflussen. Dank den hervorragenden Beziehungen zum französischen Rennsport ist es Jean-Pierre Kratzer und seiner Crew gelungen, im 2010 in grossem Stil PMU-Seminocturnes für die Traber nach Avenches zu holen. Die phänomenalen Umsatz-Zahlen sowie die tadellose Organisation der Rennen in Avenches haben nun genügend Argumente geliefert, um auch den französischen Galopp-Dachverband zu überzeugen: Avenches trägt deshalb im 2011 auch Galopp-Seminocturnes unter der Ägide der PMU aus. Diese Chance gilt es unter allen Umständen zu packen. Anpassungen werden nötig sein, insbesondere im Reglement sowie im Ablauf zwischen den einzelnen Rennen.
Eine besondere Knacknuss sind die Ausschreibungen - denn die französischen Wetter möchten nach Möglichkeit ansprechend grosse Felder, (mit der Zeit) bekannte Pferde (die mehrmals gegeneinander laufen) und keine allzu "durchsichtigen" Hierarchien in den einzelnen Rennen. Diese Ansprüche gepaart mit den Ansprüchen der Aktiven (verschiedene Distanzen/Kategorien/Stärkeklassen etc.) können nur schwer unter einen Hut gebracht werden. Aber es muss irgendwie gehen.
Eine (auf den ersten Blick kleine) Anpassung auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit, respektive rascheren Korrektur-Möglichkeiten, ist im ersten Rennkalender des Jahres publiziert worden: Neu hat der Handicapper Thomas Peter bereits nach zwei Rennen die Möglichkeit, einem unter Wert gelaufenen Pferd, einen Gewichtsnachlass zu gewähren. Bisher war dies erst nach drei Starts, bei denen ein Pferd seine aktuelle Handicap-Marke nicht ausgelaufen hatte, möglich.
Für den Sektor Galopp ist es eminent wichtig, ähnlich gute Umsatzzahlen wie die Traber zu erzielen. Ein Vorteil ist, dass einige französische Jockeys regelmässig in der Schweiz reiten und bei den Wettern im Land der Tricolore bekannt sind. Offen ist noch, ob diese Söldner für wenige Rennen an einem Abend dann auch tatsächlich anreisen. Aber das wird sich rasch weisen. Dafür sind auf der Seite der Pferde deutlich weniger in Frankreich bekannt als bei den Trabern, wo etliche nach ihrer Frankreich-Karriere in die Schweiz wechseln.
Wichtig, aber zuletzt immer wieder verschoben, wäre die Einführung der Internet-Wette auf PMU-Rennen in der Schweiz. Wenn dann endlich jedermann bequem von zu Hause aus auf die PMU-Rennen (in Avenches, in Frankreich und wo auch immer sie gelaufen werden) wetten kann, werden die PMUR-Umsätze logischerweise ansteigen - zwar werden sie nicht explodieren. Aber wir sind überzeugt, dass es einige Wetter in der Deutschschweiz gibt, die aktuell ihre Leidenschaft nur über (zumeist deutsche) Buchmacher ausleben können.
Wenn über die IP-Adresse registriert wird, wo der Wetter zu Hause ist, kann über einen Verteilschlüssel ein Teil der Gelder wieder zurück in den Schweizer Rennsport fliessen - idealerweise in dem Landesteil, wo sie eingesetzt wurden.
Der Dachverband der Galopper steht im 2011 vor einem grossen Umbau, was die Spitze betrifft. Der designierte Präsident Jakob Broger (seine Wahl gilt als sicher), der unglücklicherweise erst im März in sein Amt steigen kann, wenn die Saison längst läuft und die Vorbereitungsarbeiten mehrheitlich abgeschlossen sind, wird dem Vernehmen nach mit einem neuen, unbelasteten Team die Aufgaben anpacken. Bis auf zwei, drei Positionen wird der Vorstand von Galopp Schweiz erneuert.
Broger wird viel zu tun haben. Er geniesst bei den Aktiven, wie wir gehört und gelesen haben, grösstenteils Vertrauen. Das ist wichtig, um die Zukunft aktiv mitgestalten zu können. Eine Zukunft, die jedoch zweifellos vor allem im Westen, sprich in Avenches, geprägt wird.
Bei Suisse Trot ist seit Jahren die gleiche Crew am Werk. Jean-Pierre Kratzer sitzt fester denn je im Sattel, an ihm führt längst kein Weg mehr vorbei. Neben den Trab- und Galopp-PMU-Rennen kann JPK in diesem Jahr weitere Früchte seiner jahrelangen Anstrengungen ernten: Im Oktober findet in Avenches der Grand Prix de l'UET (dem europäischen Trab-Dachverband, dessen Vizepräsident JPK ist) statt, mit den besten vierjährigen Trabern aus ganz Europa. Ein im Schweizer Rennsport noch nie da gewesenes Spektakel. Alle Blicke der europäischen Trab-Turfisten werden an jenem Tag des Final-Laufs am 9.Oktober 2011 (die Vorläufe finden rund 12 Tage zuvor in Vincennes und Solvalla statt) auf Avenches gerichtet sein. Im 2010 betrug das Sieggeld rund 300'000 Franken - auf jeden Fall wird es das höchstdotierte Rennen sein, das je in der Schweiz gelaufen wurde.
Die zentrale Bedeutung, welche die Rennbahn Dielsdorf für den Schweizer Galopprennsport hat, brauchen wir hier nicht weiter zu erklären. Vor dem Hintergrund, dass im 2011 die Galopp-Felder in den PMU-Rennen in Avenches unbedingt respektabel gefüllt sind, ist die Funktion des Trainingszentrums umso wichtiger für den gesamten Sport.
Die Zukunft im Zürcher Unterland ist jedoch nach wie vor unklar. Der Rennverein Zürich (RVZ) ist finanziell mehr als nur angeschlagen, liegt in der Boxersprache gewissermassen nach Luft ringend und angezählt in den Seilen. Wie es weiter geht, und ob überhaupt, weiss derzeit niemand. Der rettende Deal mit dem ehemaligen Amateurrennreiter Martin Gloor, der als Investor auftreten und die Bahn für mindestens 20 Millionen Franken zu neuer Blüte bringen will, ist noch nicht unter Dach und Fach.
Für den Sport ist zu hoffen, dass das Projekt Tatsache wird. Ansonsten sieht die Situation in Dielsdorf düster aus - es sei denn von irgendwo sonst würde ein edler Ritter (oder vielmehr Retter...) auftauchen.
Ohne Avenches würde es den Schweizer Pferderennsport in dieser Form längst nicht mehr geben, soviel ist inzwischen allen klar. Doch umgekehrt gäbe es ohne die Deutschschweiz (mit ihren Besitzern, Aktiven, Rennvereinen und vor allem den Pferden) auch Avenches mit seinen PMU-Rennen nicht in dieser Form.
Es ist wichtig, dass die Deutschschweizer Rennvereine, von denen das Gros derzeit nicht viel zu lachen hat, um das mal so zu formulieren, wieder ganz auf die Beine kommt. Die Suche nach Sponsoren gestaltet sich von Jahr zu Jahr schwieriger, die Rahmenbedingungen werden allgemein härter.
Rettung, in Form eines Zauberspruchs, der wieder mehr Zuschauer auf die Rennbahnen bringt, die mehr Wetten plazieren, gibt es leider nicht. Doch die Rennvereine geben sich grosse Mühe, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Manchmal braucht es eine Art Intitial-Zündung, um einen Prozess nachhaltig in Gang zu bringen. Vor Jahren war dies in Deutschland einmal mit der TV-Serie "Rivalen der Rennbahn" gelungen.
Nun steht der Disney-Film "Secretariat" kurz vor der Premiere in den Deutschschweizer Kinos. Am 13. Januar 2011 läuft der Film über das "vermutlich beste Rennpferd aller Zeiten" mit Diane Lane und John Malkovich in der Schweiz an.
(Achtung: Eine Vorschau auf SECRETARIAT bringen wir noch diese Woche!)
Wenn die Begeisterung für den Rennsport auch nur bei einem Bruchteil der erwarteten Kinogänger in einem Besuch auf einer Schweizer Rennbahn gipfelt, könnte dies eine positive Bewegung auslösen. Die Hoffnung, dass mehr daraus wird als vor ein paar Jahren bei "Seabiscuit", ist durchaus angebracht.
Hätte jemand im Schweizer Rennsport Geld für Marketing zur Verfügung, wäre eine Kooperation mit den Kinos interessant: Wenn nach jedem Film z.B. die nächsten Schweizer Renndaten (mit Ortsangabe...) für nur schon 10 Sekunden eingeblendet würden, hätten wir mit Garantie neue Zuschauer. Aber eben, hier kommt die alte Leier: Wer soll das bezahlen...?
Lassen wir uns nicht entmutigen: Es ist schön, dass unser Sport positiv im Kino (und damit in den Medien) ist!
horseracing.ch
Die Pferderennen-Datenbank
