Jetzt wird die Sache öffentlich ausgetragen zwischen dem SPV und dem RVZ. Keine unbedingt gute Entwicklung. Doch eine, die der RVZ mit dem offenen Brief vom Freitag 19.8.2011 selbst provoziert hat. Es ist zu befürchten, dass der Sport nicht so bald wieder im Vordergrund steht in Dielsdorf. Ein sportlich gelungener Sommerrenntag reicht dafür (leider) nicht.
- Wiederholt wurden gemäss Vorstand SPV vom RVZ für die Lizenzerteilung geforderte Unterlagen zu spät, lückenhaft oder gar nicht geliefert.
- Der RVZ weigerte sich, die gemäss seinen Angaben unterzeichneten Sponsoren-Verträge dem Vorstand SPV vorzulegen (so dass der SPV nicht wissen konnte und kann, ob und wie die Rennen finanziert sind)
- Der RVZ hat dem Vorstand SPV Einsicht in die Konti "Anteilsscheine (Verzichte)", "Ausserordentlicher Sanierungs-Ertrag" sowie "Ausserordentlicher Sanierungs-Aufwand" verweigert.
- Der Vorstand SPV hat aus einer ihm vom RVZ am 25. Juli zugestellten Traktandenliste zur Kenntnis genommen, dass offenbar eine Gesellschaft "Hippodrome Zürich AG" gegründet werden soll, deren Kapital von 15 Mio. CHF anscheinend von Investoren bereits zusammengebracht/zugesagt worden sei - der effektive Wert betrage 100 Millionen CHF (!). Aus diesem Dokument geht gemäss SPV ebenfalls hervor, dass zwischen der neuen Gesellschaft und dem RVZ eine Fusion im Verhältnis 1 zu 20 erfolgen soll.
Deshalb (und den anderen, hier nicht zitierten Punkten) sieht sich der Vorstand SPV nicht in der Lage, die tatsächliche Situation einzuschätzen. Im Wesentlichen aus folgenden Gründen:
- Die Finanzierung der Rennen sowie der Unterhaltsarbeiten und der Renovationen können nicht genau eruiert werden.
- Die Mittelherkunft ist unklar: Erfolgt die Finanzierung durch Martin Gloor selbst, durch eine Drittgesellschaft oder durch eine Drittperson. (Offizielle RVZ-Aussage dazu ist, dass die Rechnungen zulasten des Kontos "Ausserordentlicher Sanierungs-Ertrag" verbucht werden und dann am Ende des Jahres über die definitive Verbuchung entschieden werden)
- Sponsorenverträge und die damit verbundene Finanzierung der Rennen konnten nicht überprüft werden
- Unterschiede in der Buchhaltung gegenüber dem Budget - M.Gloor sieht sich nicht an das Budget gebunden, welches anlässlich der RVZ-Generalversammlung präsentiert wurde.
- Dies alles lässt den Vorstand SPV "ratlos, vor allem in Bezug auf die tatsächliche Situation und die Absichten des Vorstandes RVZ".
"Trotzdem und vor allem zum Schutz der Interessen des RVZ und der Pferderennen, ist der Vorstand SPV bereit, eine Lizenz für den Renntag vom 21.August 2011 zu erteilen", steht im Brief an den RVZ-Präsidenten vom 28.Juli 2011 (mit Kopie an die RVZ-Vorstandsmitglieder) - dies unter der Voraussetzung, dass die Dotationen und Gebühren für den Renntag vom 21.August 2011 im Voraus (bis spätestens 12.August 2011) zu bezahlen sind (insgesamt 138'000 CHF: 85' Galopp, 23' Suisse Trot, 20' VRV, 10' IENA Gestion & Services GmbH).
Diese Vorauszahlung wurde vom RVZ immer wieder angekündigt, vom SPV mehrmals gemahnt (letztmals am 16.August 2011 in einem E-Mail des SPV-Präsidenten an den RVZ-Präsidenten). Im Rennkalender steht nun: "Heute, am 22.August 2011 um 13.30 Uhr musste der Vorstand SPV feststellen, dass die Überweisungen an Suisse Trot und Galopp Schweiz vom Rennverein Zürich leider immer noch nicht eingegangen sind. Gegensätzlich zu den Aussagen dessen Präsidenten, der schriftlich bestätigt hatte, dass er diese mit Valuta 18.8.2011 vornehmen würde."
Der Vorstand SPV ruft deshalb im neusten Rennkalender die Vorstands-Mitglieder des RVZ erneut auf, sobald als möglich eine ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen, um die Situation des RVZ klar darzustellen, sowie Beschlüsse und Optionen des Vorstandes von den Mitgliedern genehmigen zu lassen.
Jean-Pierre Kratzer ergänzte am Montag Abend: "Alle Fakten, die im Rennkalender aufgezählt sind, sind schriftlich belegbar. Jeder Aktive, der die Beweise sehen will, kann sich bei mir melden. Ich zeige das jedem." Der SPV-Präsident ist sehr klar in seinen Aussagen: "Der Vorstand SPV ist zweimal extra nach Zürich gereist zu Martin Gloor, wir wurden immer wieder nur angelogen. Wer so oft gelogen hat, dem können wir schlicht und einfach nicht mehr glauben. Jetzt reicht es uns. Es geht um das Image unseres Rennsports. Es reicht jetzt, Herr Gloor ist ein Casting-Fehler, eine Fehlbesetzung als RVZ-Präsident. Jetzt liegt es an den Mitgliedern des RVZ und den Aktiven von Galopp Schweiz zu entscheiden, wie und mit wem sie ihre Zukunft gestalten wollen."
Es gibt einige sehr merkwürdige Punkte in der ganzen Geschichte. Vor allem müssen alle Alarmglocken erklingen, wenn in unserem beschaulichen Sport in der Schweiz von ungeheuer hohen Summen die Rede ist, die investiert werden sollen. 15 bis 20 Millionen nannte Martin Gloor zu Beginn. Nun sollen es gar 100 Millionen sein - wer um Himmels Willen soll so viel Geld in einen Renn-Verein stecken, der trotz aller Anstrengungen in den letzten Jahren immer näher an einen Konkurs geschlittert ist? Ein Mäzen, mehrere davon? Ein Gutmensch? Nein, das Geld soll offenbar von Investoren kommen. Investoren streben nach Rendite, per Definition.
Doch welche neuen nachhaltigen Einnahmequellen die neue Crew erschliessen könnte, ist mit gesundem Menschenverstand (und den traue ich mir trotz brütender Sommerhitze nach wie vor zu) nicht ersichtlich - die PMU-Rennen, von denen Martin Gloor oft gesprochen hatte, sind für Dielsdorf gemäss meinen Informationen in weiter Ferne. Zudem müssten diese Rennen, im Unterschied zu denjenigen in Avenches (welche durch die PMUR aus den Erträgen der aus der Romandie Tag für Tag auf französische Rennen getätigten Wett-Einsätzen finanziert sind) in Dielsdorf durch Sponsoren erst noch gedeckt werden (Klammerbemerkung: Am 21.August 2011 wurde das VIP-Zelt für Gäste der Sponsoren auf der Parkrennbahn nicht gebraucht, es war bis auf den Eingangsbereich, wo eine sehenswerte Foto-Ausstellung zu bewundern war, geschlossen. Jeder darf sich selbst seine Gedanken machen, was das bedeutet).
Das hat nichts mit Schwarzmalerei zu tun, wie mir vom RVZ-Präsidenten höchstpersönlich vorgeworfen wurde. Gerade im Wissen, dass das Trainingszentrum und die Rennen auf der Parkrennbahn für den Schweizer Rennsport (insbesondere für den Galopp) sehr, sehr wichtig sind, ist der vielen offenen Fragen wegen grosse Sorge um den RVZ angebracht. Gerade weil mir der RVZ und die Rennen in Dielsdorf am Herzen liegen, mache ich mir Sorgen, habe ich mich jahrelang dafür engagiert.
Es reicht nicht, eine Rennbahn einem (zugegeben gelungenen) Facelifting zu unterziehen und zwei Renntage zu veranstalten, deren Finanzierung selbst für nahestehende gelinde geschrieben undurchsichtig ist. Zürich braucht eine langfristige Basis für den Pferderennsport.
Apropos Langfristigkeit: Die im "offenen Brief" vom RVZ geäusserte Forderung nach einer Mehrjahres-Lizenz ist absurd, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel die Swiss Football League ihre Lizenzen an die Fussballvereine jeweils auch nur für eine Saison erteilt. Was für König Fussball, wo hierzulande deutlich mehr Geld fliesst, gut ist und die Vereine vor keine unlösbaren wirtschaftlichen Probleme stellt, kann für den Pferdesport so schädlich nicht sein. Zumal die anderen Rennvereine (abgesehen von den inzwischen beigelegten Querelen mit White Turf) die Vorgaben für die Lizenzerteilung Jahr für Jahr problemlos erfüllen.
Apropos Swiss Football League: Der Schweizer Dachverband hatte dem Schweizer Fussball-Rekord-Meister GCZ vor zwei Jahren in erster Instanz die Lizenz für die kommende Saison verweigert, worauf in der Folge prompt ein dubioser Investor auftauchte, der bis zu 300 Millionen Franken in den Grasshoppers Club einschiessen wollte. Leider für den GCZ stellte sich später heraus, dass er gar kein Geld hatte. Der damals 43-jährige Deutsche "Financier" wurde in seiner Heimat schliesslich zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Dies sei nur am Rande erwähnt.
horseracing.ch
Die Pferderennen-Datenbank
