Zwei Themen beschäftigen den SPV-Vorstand derzeit sehr stark: Die Entwicklung der PHH-Rennen (ehemals PMU) und die künftige Rolle der Schweizer Rennen sowie die Situation des Rennvereins Zürich. In Illnau nutzten die vier Vertreter des SPV-Vorstandes die Gelegenheit nach der CRB-Generalversammlung über diese beiden Punkte zu orientieren.
Jean-Pierre Kratzer zeigte zunächst die Situation rund um die PHH-Rennen auf. Dank den Rennen, auf welche über das PMU-Netz in Frankreich, Deutschland und anderen angeschlossenen Ländern gewettet werden kann, könnte 2012 ein Rekordjahr für die Schweiz werden, sowohl bezüglich Anzahl Rennen als auch bezüglich Preisgeld. Je nach Entwicklung (Stichwort: Anzahl Galopp-PHH-Renntage in Avenches und Renntagen in Dielsdorf - allenfalls Um-/Neubau der Pisten) werden es im 2012 gemäss Strukturplan (den sämtliche Rennvereine ausser der RVZ eingereicht haben) rund 450 Rennen gelaufen. Bei den Preisgeldern ist eine Rekord-Summe von 5.3 Millionen Franken möglich, davon 3.2 Millionen Franken in Avenches.
In der Deutschschweiz ist die Preisgeldsumme seit 2003 bei 2 Millionen Franken konstant. "Das ist eine sehr gute Leistung der deutschschweizer Rennvereine im aktuellen Umfeld", lobte Jean-Pierre Kratzer.
Galopp Schweiz als Ganzes steht nun gemäss dem Vorstand SPV vor einem Scheideweg:
- Kontinuität im Sinne der 2000er Jahre mit traditionellen Sonntag-Renntagen mit Trab und Galopp
- Einstieg in den europäischen Zug (Rennen und Wetten!), um auf europäischer Ebene anerkannt zu werden und an der Erweiterung der internationalen PMU-Projekte teilzunehmen.
Jean-Pierre Kratzer blendete zurück. Die Traber bekamen die Chance, im 2010 die "Löcher" im PMU-Programm zwischen den Nachmittag-Réunions und den Nocturnes zu stopfen. 20 Trab-Renntage waren so im 2010 möglich. "Wir haben die Traber gefragt, und sie wollten die Chance packen. So haben wir rasch die Reglemente angepasst und es ging los", erklärte JPK.
Für 2011 konnten daraufhin 12 Galopp-PHH-Soirées ins Programm aufgenommen werden. "Was man wissen muss, ist, dass die PMU bis 2013 von Mittag bis Abend alle 15 Minuten Rennen plant. Mein Ziel für den Schweizer Rennsport ist, dass wir da auch mit dabei sind, bei solchen Simulcasting-Réunions, wenn möglich gemischt Galopp und Trab. Aber um das erreichen zu können, müssen wir alle zusammen beweisen, dass wir dauerhaft Qualität liefern können."
Für die Traber wird es in Avenches im 2012 156 PHH-Rennen geben, neben den Abendrennen zusätzlich in den Monaten März und November Samstag-Renntage (voraussichtlich von 12.00 bis 13.30 Uhr), 3 im März, 4 im November.
"Diese Chance möchte ich auch für die Galopper. Ich bin müde zu hören, JPK wolle das für IENA. Nein, ich möchte das für die Galopper, weil es für den Galopprennsport sehr wichtig ist", so Jean-Pierre Kratzer.
Man könne, so Kratzer, durchaus so weiter machen wie bisher, d.h. ohne Ausbau der PHH-Rennen. Doch so bleibe der Rennsport von den Rennplätzen und von Sponsoren abhängig, was mit Chancen, aber eben auch mit Risiken verbunden sei. Und der Rennsport bleibe primär ein Hobby.
Wenn man hingegen auf den PHH-Zug aufspringen wolle, bedinge das Anpassungen auf verschiedenen Gebieten. "Denn die Rennen werden dann gewissermassen als Produkt produziert und dem Wetter verkauft. Dieses Produkt muss sehr gut sein."
Um dieses "Produkt" verkaufen zu können, bracht es gemäss JPK:
- einen grösseren Pferdebestand
- neue Besitzer
- Ausschreibungen, die regelmässig eine Anzahl von 11-14 Startern pro Rennen mit gleicher Gewinnchance für alle Starter ermöglichen
- Anpassungen der Reglemente etc.
Die Frage, die bis Ende September abschliessend beantwortet sein muss: Will der Sektor Galopp in der Schweiz für 2012 6, 8, 12 oder gar 14 PHH-Renntage?
Die Auflage lautet: Weil der Trab voll auf die Karte PHH setzt, ist IENA aus ökonomischen Gründen nicht gewillt im Falle einer Entscheidung für wenige PHH-Galopp-Renntage nicht noch zusätzliche Sonntag-Renntage mit ein paar wenigen Galopprennen zu veranstalten.
Galopp Schweiz-Präsident schlug in die gleiche Kerbe: "Wir stehen an einem Wendepunkt zwischen Hobby und einem Produkt mit Herstellung und Vertrieb. Es geht darum, unseren Platz zu besetzen. Sonst gibt es weniger Rennen in Avenches und somit für den Galopprennsport in der Schweiz. Das ist keine Drohung, sondern eine nackte Tatsache."
Nun müssen sich laut Jean-Pierre Kratzer die Aktiven im Galopprennsport rasch überlegen: "Was wollen wir tun? Was können wir tun? Und wer macht was?" Und das bis Ende September, denn dann wird der Datenkalender für die PHH-Rennen 2012 von der PMU sowie den französischen Dachverbänden definitiv bestätigt.
Das zweite Thema war brisanter, weil die Thematik nach einem offenen Brief des RVZ in einer breiteren Medienlandschaft breitgetreten worden war. Zum Teil leider ohne sich um die Fakten bemüht zu haben.
Jean-Pierre Kratzer schilderte zunächst, wie der SPV-Vorstand arbeitet (die Grundsätze seien die Verhinderung und/oder Beurteilung von Image-Risiko, finanziellem Risiko sowie Management-Risiko für den Rennsport), zeigte Auszüge aus den Statuten und erwähnte, dass inzwischen in dieser Sache auch ein renommiertes Anwaltsbüro eingeschaltet sei, welches die bisherige Vorgehensweise des SPV-Vorstandes als statutenkonform erklärt habe. Von den vier Mitgliedern des Vorstandes SPV, die alle anwesend waren, sind gemäss JPK jeweils zwei Vertreter der Rennvereine und zwei Vertreter der Aktivverbände. "So ist das Gleichgewicht gewährleistet." Zusammen verfüge der SPV-Vorstand über mehr als 100 Jahre Erfahrung in Rennsport-Vorstands-Gremien.
Ein wichtiges Thema war die Frage, weshalb der SPV vom Rennverein Zürich eine Vorauszahlung verlangte für die Rennen. "Zu den Zeiten als Herr Syz noch Präsident war, betrugen die Schulden des RVZ bei den Verbänden zwischenzeitlich jeweils um 300'000 bis 400'000 Franken. Herr Syz hat das dann bis auf Null runtergefahren. Zum Teil wurde das durch Darlehen von Leuten aus dem Vorstand ermöglicht. Martin Gloor hat von Anfang an von einer Sanierung der Bilanz gesprochen, was völlig richtig ist. Bei einer Sanierung müssen die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Und genau deshalb wollen die Aktiv-Verbände nicht Gläubiger sein des RVZ. Dies im Interesse aller Aktiven. Deshalb knüpften wir an die Lizenzerteilung für den Mai- und den August-Renntag die Bedingung der Vorauszahlung."
Diese Vorauszahlung wurde für den Renntag vom 8.Mai 2011 vom RVZ denn auch ohne Weiteres geleistet. Für den August-Renntag kamen diese Zahlungen dann aber plötzlich ins Stocken. Von den rund 130'000 Franken verlangten Vorauszahlungen, wurden nur rund 30'000 Franken (an VRV und IENA) vorgängig bezahlt. Die 20'000 CHF für Suisse Trot wurden erst am 26.August, also 5 Tage nach dem Renntag beglichen. "Und die rund 80'000 Franken für Galopp Schweiz waren heute, 5.9.2011 Mittags um 12 Uhr noch immer nicht bezahlt", erklärte Jean-Pierre Kratzer.
Dies obschon RVZ-Präsident Martin Gloor in einem E-Mail vom 17.August 2011, welches von Kratzer via Hellraumprojektor gezeigt wurde, bestätigt hatte, die Ausstände seien per Valuta 18.August bezahlt. "Ich hatte keine Angst, dass nicht bezahlt würde. Aber die Vorauszahlung war Bedingung. Und wenn jemand sagt und verspricht, ich zahle, und es dann nicht tut, ist es schwierig zu vertrauen", so Jean-Pierre Kratzer.
Der SPV habe im Nachhinein vielleicht den Fehler gemacht, dass man aus Image-Gründen bei der Publikation der Mitteilung im Rennkalender, wonach der RVZ die Lizenz für den August-Renntag erhalten habe, die Bedingung nicht hingeschrieben habe. Dies habe man aus Image-Gründen für den RVZ nicht tun wollen.
Dann zeigte Jean-Pierre Kratzer via Hellraumprojektor Folie für Folio "Tatsachen". "Wir handeln auf Grund von Tatsachen", erklärte er und widerlegte in der Folge einen Punkt nach dem anderen, den der RVZ in seinem offenen Brief (vom 19.8.2011) sowie später in einem Brief an seine Mitglieder (23.8.2011) aufgeführt hatte.
- Zunächst legte Kratzer eine RVZ-Rechnung mit Budget per Ende März auf. Auf einer A4-Seite, nur zusammengefasste Positionen mit gleich hohen Einnahmen und Ausgaben für die Rennrechnung. "Das soll keine Kritik sein, aber so können wir doch nicht urteilen", so Kratzer.
- Einer Aufstellung per 31.Juli 2011 entnahm der SPV-Vorstand, dass offenbar Besitzer von RVZ-Anteilsscheinen auf Guthaben im Wert von 271'000 Franken verzichtete hatten. "Da waren wir froh, denn das zeigte, dass etwas in Gang ist", sagte Kratzer.
"Doch stand auf der Traktandenliste für unser Treffen mit Martin Gloor vom 25.Juli eine andere Zahl, nämlich Anteilsschein-Verzichte in Höhe von 350'000 Franken."
- Solche Ungereimtheiten gab es offenbar noch mehr. So wurde der erste Renntag zunächst mit einem Plus von rund 80'000 Franken abgerechnet. Nach dem zweiten Renntag, am 22.8.2011 hatte der Mai-Renntag dann noch ein Plus von 43'000 Franken, wie Kratzer wiederum schriftlich aufzeigte. "Es kann immer noch eine Rechnung geben, die nicht verbucht war", so JPK, "aber gleich so viel? Was bitte sollen wir jetzt glauben?"
- Auf die Tatsache, dass der RVZ dem Vorstand SPV und insbesondere Jean-Pierre Kratzer eine Verhinderungsstrategie und eine Hinhalte- und Verzögerungstaktik vorwirft, zeigte Kratzer zwei an den RVZ adressierte Briefe. Im ersten von Ende Mai 2011 fragte der SPV bei Martin Gloor nach, wie weit mit den für die Lizenzerteilung notwendigen Unterlagen schon sei. "Weil keine Antwort kam, erkundigten wir uns mit Brief vom 27.Juni 2011 noch einmal bei Herrn Gloor. Wieder ohne Antwort."
- Nun, nach dem August-Renntag schrieb der Vorstand SPV am 26.8.2011 einen Brief an alle Mitglieder des RVZ-Vorstandes. "Wir wollten uns mit dem Gesamt-Vorstand des RVZ treffen, denn bei unseren Treffen in Zürich war nie ein anderes Vorstandsmitglied dabei ausser der Präsident. Wir wollten den RVZ-Vorstandstmitgliedern unsere Position erläutern und von ihnen wissen, ob sie über vergangene und geplante Geschäftsvorgänge im Bild und sich ihrer Verantwortung bewusst sind", erläuterte Christoph Müller.
- Die RVZ-Antwort liess nicht lange auf sich warten. Einige Vorstandsmitglieder seien in den Ferien, andere hätten so kurz vor den Renntagen vom 25. September und 2.Oktober keine Zeit für ein Treffen. Sämtliche noch im Vorstand verbliebenen RVZ-Vorstandsmitglieder sprachen in diesem Brief dem Präsidenten ihr Vertrauen aus und bestätigten, dass sie in regelmässig stattfindenden Sitzungn über das Geschehen orientiert werden.
"Nun, es gab gemäss uns schriftlich vorliegenden Informationen eine Sitzung am 5.April und eine am 9.August", sagte Jean-Pierre Kratzer. Regelmässig also, das ist ein dehnbarer Begriff.
- Mit Vehemenz bestritt der RVZ, dass jemals von einer Zahl von 100 Millionen Franken die Rede sei. Auch hier bewies der SPV-Vorstand, dass dies nicht stimmt. Auf der Traktanden-Liste für das Treffen RVZ / SPV-Vorstand vom 25.Juli 2011 in Zürich, welche den Anwesenden ebenfalls via Hellraumprojektor gezeigt wurde, steht eindeutig, dass die neue Hippodrome Zurich AG (in Gründung) eine Bewertung von ca. CHF 100 Mio. haben werde.
- Die obige Traktanden-Liste brachte zudem noch eine Überraschung an den Tag. Köbi Broger, der als Unternehmer im Bereich IT über spezielle Kenntnisse verfügt, konnte aufzeigen (und dies lag ebenfalls auf dem Hellraumprojektor vor), dass die Traktandenliste von Peter Jegen verfasst worden war. Von jenem Redaktor der Neuen Zürcher Zeitung also, der in einem NZZ-Artikel am Samstag vor dem August-Renntag den RVZ lobte, Jean-Pierre Kratzer hingegen attackierte.
Notabene: Auch beim RVZ-Newsletter vom August 2011, der von Präsident Martin Gloor unterzeichnet ist, fungierte Jegen offenbar als "ghost-writer", wie untenstehendes Bild zeigt (Original-Newsletter aus dem Download-Bereich der RVZ-Page).
Zum Schluss betonte Jean-Pierre Kratzer, der SPV wolle eine Lösung finden für den Sport. "Die Türe ist offen. Der Sport hat für uns Priorität. Aber wir wollen, dass die Mitglieder des RVZ Bescheid wissen, was läuft. Eine ausserordentliche GV wäre sinnvoll." Und zu Martin Gloor sagte Kratzer: "Sie sind nicht in einer privaten Organisation, das habe ich ihnen schon gesagt."
Der SPV-Vorstand wisse nicht, wie die Situation im RVZ derzeit effektiv ist. "Auf dieser Basis können wir kein Urteil fällen. Vertrauen ist wichtig. Doch das muss zuerst wieder aufgebaut werden."
Weder Martin Gloor noch Peter Jegen, die beide in Illnau anwesend waren, äusserten sich vor den versammelten rund 50 Personen dazu.

RVZ-Präsident Martin Gloor hat in NZZ-Redaktor Peter Jegen offenbar einen ghost writer.
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